Die Reformation und die dänische Gesellschaft: Die Bibel und das Wort

Im Mittelalter hatte man auch Predigten in der Muttersprache und Übersetzungen der Bibel. Aber nach der Reformation erhielt die Bibellektüre höchste Priorität. Es waren nicht mehr der Papst und die Priester der alten Kirche, die das Monopol auf die richtige Auslegung hatten. Das Ideal war, dass alle Zugang zum Wort Gottes haben sollten und es selbst verstehen und sich aneignen konnten. Bei den Reformatoren war ein großer Eifer, das Wort der Bibel zu verbreiten – aber sie wollten auch gerne sicherstellen, dass sich das rechte protestantische Verständnis durchsetzte. Neue Übersetzungen und neue Auslegungen wurden durch die neue Technologie der damaligen Zeit verbreitet, der Buchdruckerkunst. Nun konnte derselbe Text in kurzer Zeit hundert- oder tausendfach in identischen Exemplaren verbreitet werden. Man hat gar gesagt: „Ohne Buchdruck keine Reformation“.

1550 erschien die erste dänische Bibelübersetzung, die von Staat und Kirche autorisiert war. Gesangbücher und andere „nützliche“ Veröffentlichungen, die das Wort Gottes – in lutherischer Weise – vermittelten, wurden auch unterstützt, während „schädliche“ Bücher der Zensur zum Opfer fielen. Luthers Kleiner Katechismus was das allerwichtigste. Er wurde als die Bibel des gemeinen Mannes angesehen, d.h. als ein Handbuch im rechten Bibelverständnis. Gottes Wort sollte nicht nur gelesen werden. Es sollte in erster Linie klar und verständlich von den Kanzeln des Landes verkündigt werden. Die Pfarrer sollten besser ausgebildet werden, und Bischöfe sollten kontrollieren, dass klar und gut gepredigt wurde, wenn sie bei der Inspektion (Visitation) die Gemeinden besuchten.

In den Familien war die Welt der Bibel auch gegenwärtig. Man kannte die Erzählungen aus dem Alten und Neuen Testament. Biblische Sprichwörter und Zitate waren Teil der alltäglichen mündlichen Kultur – und haben viele Spuren in der Sprache hinterlassen. Im 16. Jahrhundert fand eigentliche Bibellektüre nur in etwas wohlhabenderen Familien statt. Ab er im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurde es verbreitet, dass man lesen konnte, und Bibeln wurden billiger. Deshalb hatten viel mehr Menschen Zugang zur Bibel. Die Pietisten des 18. Jahrhunderts arbeiteten dafür, dass alle Menschen selbst lesen und die Bibel verstehen konnten – aber noch immer mit dem Katechismus Luthers als Anweisung für das richtige Lesen. Erst mit den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts wurde eine selbständige Bibelauslegung eine reale Möglichkeit für viele. Gleichzeitig waren das 18. und das 19. Jahrhundert die Periode, in der sich die wissenschaftliche Bibelkritik entwickelte. Es war auch in dieser Zeit, dass sich wissenschaftliche Studien der Natur – unabhängig von der Bibel – entwickelten.

Sehr unterschiedliche Bibelauffassungen haben sich bis in unsere Zeit entwickelt. In mehr fundamentalistischen Auslegungen wird das Wort der Bibel als Beleg dafür benutzt, wie die Welt geschaffen wurde und wie genau man leben soll. Solche Auslegungen waren früher mehr üblich, sie tauchen aber auf, wenn z.B. gegen Frauen im Pfarramt vom Wort der Bibel her argumentiert wird. Innerhalb der Volkskirche findet man allgemein mehr offene Auslegungen, die das Gewicht auf das „lebendige Wort“ im Gegensatz zum toten Buchstaben legen. Grundtvig war ein starker Fürsprecher für eine solche Bibelauffassung. Heute verstehen die meisten die Bibel als einen historischen und literarischen Text mit sowohl religiöser als auch kulturgeschichtlicher Bedeutung.

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