Die Reformation und die dänische Gesellschaft: Gesang und Musik

Lieder, die die Gemeinde in ihrer Muttersprache singen konnte, waren schon in den ersten Jahren der Reformationsbewegung wichtig. Viele von Luthers Liedern wurden schnell in Dänemark bekannt und ins Dänische übersetzt. Die Arbeit an einem neuen gemeinsamen Gesangbuch für die lutherische Kirche in Dänemark erhielt nach der Reformation höchste Priorität. 1569 erschien Hans Thomisens Gesangbuch – sowohl eine Ausgabe mit Noten für die Kirchen und kleinere und billigere Ausgaben für den „gemeinen Mann“.

Der Gebrauch von Musik und Gesang im Gottesdienst baute teils weiter auf Traditionen aus dem Mittelalter. In den Stadtkirchen hatte man weiter einen Chor, der aus den Schülern der Lateinschule bestand, und es wurde weiter auf Lateinisch gesungen. Aber das wichtigste musikalische Element war nun der Gemeindegesang von dänischen Liedern. Oft benutzte man alte und bekannte Melodien, und die Liedertexte konnten auswendig gelernt werden, ob man nun lesen konnte oder nicht. Der Liedergesang wurde deshalb zu einem zentralen Medium für die Ausbreitung protestantischer Religiosität.

Es erschienen unzählige Ausgaben von Gesangbüchern – und das Gesangbuch wurde vermutlich das verbreitetste religiöse Buch neben Luthers kleinem Katechismus. Es enthielt fast tausend Lieder, Evangelien-Texte, Gebete u.a. und hatte die Funktion als religiöses Handbuch für den gemeinen Mann. Das Gesangbuch wurde ein wichtiges Geschenk zur Konfirmation, es wurde bei Andachten und Treffen in privaten Häusern benutzt, und viele Menschen hatten es an ihrem Sterbebett in der Hand. Für die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts war der gemeinsame Liedergesang ein entscheidender Sammlungspunkt. Der Liedgesang konnte ohne Pfarrer und Predigt stattfinden, und man kennt viele Beispiele, wo Menschen in Not und Lebensgefahr gerade in Liedern Trost fanden. Mit dem populären Hochschulgesangbuch, wo die Kirchenlieder durch dänische Volkslieder und Volksweisen ergänzt sind, wurde die Liedertradition in neue soziale und kulturelle Zusammenhänge eingeführt.

Die lutherische Liedertradition hat sich laufend entwickelt. Die Lieder Luthers wurden bearbeitet, und neue kamen hinzu wie u.a. Hans Christensen Stehn im 16. Jahrhundert, Thomas Kingo im 17. Jahrhundert, H.A. Brorson im 18. Jahrhundert und N.F.S. Grundtvig und B.S. Ingemann im 19. Jahrhundert. Alle haben originale Beiträge geschaffen, die von Auslegungen des lutherischen Christentums im Wechsel der Zeiten zeugen. Und auch heute werden neue Lieder geschrieben.

Die Musikalisierung der Lieder war von Anfang an sehr unterschiedlich. Mittelalterliche Melodien wurden verwandt, aber auch viele neue Kompositionen kamen hinzu. Außer eigentlichen Liedermelodien wurden auch große musikalische Werke komponiert, u.a. Oster- und Weihnachtsoratorien zum Gebrauch in den lutherisch-protestantischen Kirchen. Komponisten wie Heinrich Schütz, Dietrich Bxtehude, G.Ph. Telemann und Johann Sebastian Bach repräsentieren Höhepunkte in der lutherischen Musikkultur und der klassischen Musik überhaupt. Im 19. Jahrhundert und auch im 20. Jahrhundert trugen eine Reihe von dänischen Komponisten wie z.B. C.E.F. Weyse, Thomas Laub und Carl Nielsen mit neuen Liedermelodien bei.

Die Orgel spielte eine herausragende Rolle in der Musik des Gottesdienstes nach der Reformation. Chorale (Noten für Lieder) auszuarbeiten wurde deshalb zu einer wichtigen Aufgabe. Buxdehude, der in einer Periode in Helsingør wirkte, ist einer der originalsten Komponisten der lutherischen Orgelmusik.

Heute wird die lutherische Musik von u.a. Bach in der ganzen Welt gespielt und geschätzt, auch abgesehen von ihrem ursprünglichen religiösen Kontext. Musik und Gesang von Liedern sind weiterhin einer der Weg zum Religiösen, den die meisten Menschen begehen. Und die Debatte wird oft hitzig, wenn neugeschriebene Lieder eingeführt werden sollen – und alte Lieder aus dem Kirchengesangbuch oder dem Hochschulliederbuch verschwinden.

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