Die Reformation und die dänische Gesellschaft: Das Internationale und das Nationale

Die Kirche des Mittelalters war international. Sie war in Kirchenprovinzen aufgeteilt, und der Hauptsitz lag beim Papst in Rom. Fast alle Kritik, die im 15. und frühem 16. Jahrhundert gegen die Kirche gerichtet wurde, waren Verbesserungsvorschläge, die die Kirche zu ihrer rechten Grundlage zurückführen sollten. Die Kirche sollte reformiert werden. Luthers Kritik war auch so gedacht. Aber als er vom Papst gebannt wurde und dennoch an seiner Kritik festhielt, nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Neue Kirchenordnungen wurden vielerorts in Deutschland eingeführt, und eine Reihe von Fürsten brach offiziell mit Rom und setzte sich an die Spitze eigener sogenannter Territorialkirchen.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts veränderte sich die religiöse Landkarte Europas. Im Südosten lag – wie bisher – die orthodoxe Kirche. Aber das übrige Europa wurde nun in verschiedene Kirchen aufgeteilt. Die drei größten Richtungen waren die römisch-katholische Kirche, die lutherische und die reformierte Kirche mit Calvin und Zwingli als wichtigsten Reformatoren. In England errichtete man eine besondere anglikanische Kirche.

Die neuen unabhängigen Territorialkirchen wurden wichtig für die Könige und Fürsten, die im 16. Jahrhundert danach strebten, starke Staaten zu schaffen. In Dänemark führte Christian III 1536 eine lutherische Staatskirche ein. Für eine Gesellschaft mit einem religiösen Weltbild war es entscheidend, dass die Kirche gegen äußere und innere Feinde geschätzt wurde. Der König erhielt die Rolle als oberster Leiter und Beschützer der Kirche mit einer besonderen Verantwortung gegenüber Gott. Diese Rolle trug dazu bei, das ‚lutherische Modell‘ für eine Reine der stärksten damaligen Fürsten attraktiv zu machen.

Das protestantische Christentum reichte zugleich über den einzelnen Staat und das einzelne Volk hinaus und war nicht an etwas Nationales gebunden. Die ganze Reformationsgeschichte zeigt, wie neue religiöse Ideen und Traditionen ausgetauscht und übersetzt wurden. Bücher wie Menschen überschritten Grenzen auch nach der Bildung der neuen Territorialkirchen. Lateinisch war weiterhin die gemeinsame Sprache der lutherischen Welt, aber Deutsch erhielt auch große Bedeutung. In Dänemark wurden Luthers Schriften auf Lateinisch und Deutsch gelesen, und zugleich wurde vieles ins Dänische übersetzt, u.a. mehrere von Luthers Liedern wie „Ein feste Burg ist unser Gott“.

In der Reformationszeit gab es Vorstellungen von verschiedenen Völkern oder Nationen wie z.B. das dänische oder das deutsche Volk, aber sie existierten im Verhältnis zu Gott, und alle waren Teil einer großen gemeinsamen Geschichte, die in der Bibel mit dem Volk Israel begann und bis zum jüngsten Tag reichte. Gedanken über die besondere nationale Eigenart verschiedener Völker, die typisch sind für den modernen Nationalismus, findet man nicht in der Zeit Luthers. Die Reformation trug jedoch auf lange Sicht zur Entwicklung nationaler Identitäten bei, weil die nationalen Sprachen nun große Bedeutung erhielten, und die religiöse Kultur entwickelte sich in den einzelnen Ländern mit ihren verschiedenen Besonderheiten weiter.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die romantischen und nationalen Vorstellungen von einem dänischen Volk, das seine ganz eigene Geschichte hatte. Mit dem Grundgesetz von 1849 wurde die Volkskirche als eine evangelisch-lutherische Kirche für das dänische Volk errichtet Dänische Lieder und die weißgekalkten Kirchen wurden zu einem Teil des neuen Dänentums. Diese enge Verbindung zwischen dem Christlichen und dem Nationalen sah man auch im Unterricht der Schulen, u.a. in der Morgenandacht, wo nationale Lieder und Kirchenlieder eine Einheit darstellten. Hier liegt wohl ein Teil der Erklärung dafür, dass die Volkskirche im heutigen Dänemark stark verwurzelt ist, und viele verbinden Volkskirche und Luthertum mit dänischer Identität. Zugleich arbeiten Teile der Kirche und viele Gemeinden auch international und ökumenisch.

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