Die Reformation und die dänische Gesellschaft: Moral und Wohlfahrt

Sowohl vor als auch nach der Reformation diente das Christentum als Grundlage dessen, was man Moral nennen kann. Die Moral ist die Auffassung davon, wie ein Mensch sich anderen Menschen, der Gesellschaft – und sich selber gegenüber verhalten soll. Aber das Luthertum führte zu Veränderungen im Denken und Traditionen. In moderner Zeit wird oft behauptet, dass der Protestantismus eine hohe Arbeitsmoral förderte. Mit dem Ausgangspunkt im Kleinen Katechismus lernten alle in Dänemark über die Berufung des einzelnen. Man sollte die Berufung und den Stand akzeptieren und respektieren, in denen man nun einmal gestellt war, um „im Schweiß seines Angesichts“ arbeiten. Konkret gab es weniger freie Tage, weil eine Reihe von Heiligenfesten abgeschafft wurden.

Der Soziologe Max Weber hat den Zusammenhang zwischen Glaube und Arbeitsmoral in den reformierten, d.h. calvinistischen Gebieten in Europa hervorgehoben. Calvin meinte, dass das Heil vorausbestimmt war von Gott. Deshalb zeigten Erfolg in der Arbeit und Wohlstand, dass ein Mensch erwählt war. Das gab extra Motivation für harte Arbeit. Weber sah deshalb diese „protestantische Ethik“ als einen Teil der Erklärung für die frühe kapitalistische Entwicklung in Nordwesteuropa. Die Vorstellung, dass einige Menschen zum Heil zuvor erwählt waren, gab es bei den Lutheranern nicht. Aber in neuerer Zeit kann man Elemente ähnlichen Denkens feststellen, wenn z.B. lutherische Erweckungschristen in Dänemark Erfolg im Leben als Ausdruck dafür sehen, dass man, wenn auch nicht erwählt, aber einen wahren Glauben an Gott habe.

In der dänischen Gesellschaft des 16. und 17. Jahrhunderts war das Wichtigste der Gedanke, in seinem Beruf zu wirken und zugleich für einander zu sorgen in den Gemeinschaften, die Familie, Hausstand und Gemeinde darstellten. Seinen Nächsten lieben war eine grundlegende Tugend. Die Fürsorge war durch das Christentum legitimiert und weitgehend durch die lutherische Kirche organisiert. In vieler Weise war der Hausstand die wichtigste Wohlfahrtsinstitution der damaligen Zeit, und die Dorfgemeinschaft sollte denen helfen, die keinem Hausstand angehörten. Die eigenen Armen der Gemeinde erhielten Almosen, und vielerorts wurden Armenhäuser und sogenannte „Hospitäler“ für Alte und Kranke errichtet, oft mit Donationen von lokalen Gutsbesitzern oder Pfarrern. Damit war eine Form von lokalem sozialem Sicherheitsnetz geschaffen.

Institutionen für Arme, Alte und Kranke wurden im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ausgebaut, und die Verantwortung wurde immer mehr von Gemeinden und Kommunen übernommen – aber lange Zeit mit Pfarrer und Kirche als zentralen Akteuren. Im lutherischen Dänemark hat es immer Platz für private Initiativen und fromme Stiftungen gegeben. Bis ins 19. Jahrhundert wurde ein großer Teil der Hilfsarbeit von wohltätigen Organisationen wahrgenommen, noch immer von einer lutherischen Überzeugung aus. Menschen, die in die Stadt zogen oder in den neuen Industrien arbeiteten, verließen den sicheren Hausstand, und dies schuf einen Bedarf für andere Formen von sozialen Systemen und Sicherheitsnetzen. Hier kämpften die Arbeiterbewegung und die Kirche als Konkurrenten.

Im 20. Jahrhundert stiegen die Anzahl und der Umfang staatlicher und kommunaler Wohlfahrtsaufgaben, und der Wohlfahrtsstaat wurde nun Wirklichkeit. Kirche und Pfarrer hatten das formale Recht verloren, die soziale Arbeit zu leiten, aber ein Teil der Legitimität für den Ausbau des Wohlfahrtssystems konnte vom lutherischen Denken her begründet werden. Das sieht man z.B. bei Hal Koch, der in den 1950’er Jahren sowohl Theologieprofessor als auch einflussreicher Sozialdemokrat war. Er verwies direkt auf Luthers Lehre von den beiden „Regimentern“, das weltliche und das geistliche, wenn er für den Ausbau des Wohlfahrtsstaates plädierte. Für einen modernen Menschen wie Koch war es natürlich, dass der weltliche Staat die Aufgabe wahrnahm, materiellen Wohlstand für die ganze Gesellschaft zu sichern. Gleichzeitig wandten sich andere Lutheraner gegen einen Ausbau des Wohlfahrtsstaates, weil sie meinten, dass die Verantwortung damit Gott und dem einzelnen Menschen weggenommen wurde.

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